Gletscherexkursion der Q11 des Karlstadter Gymnasiums

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Hochgebirgslandschaft im Wandel

Schüler des Johann-Schöner-Gymnasiums erkunden Ötztaler Gletscher im Rahmen einer Exkursion (von Th. Höfling)

Vergleichsweise spät in diesem Schuljahr führte die traditionsreiche Gletscherexkursion des Johann-Schöner-Gymnasiums in Karlstadt vom 09. bis zum 11. Juli in die von Gletschern geprägte Hochgebirgsregion des Ötztals. Aufgrund personaler Veränderungen am JSG wurde die Exkursion in Teilen neu entworfen und organisiert, wozu sich die begleitenden Lehrkräfte Andrea Meyerhöfer, Florian Schlereth, Thomas Höfling und Andrea Naujoks im Team zusammenschlossen, um den ca. 60 interessierten Schülerinnen und Schülern der drei Geographiekurse der Q11 die Möglichkeit zu bieten, durch eigene Anschauung vor Ort Eindrücke zu sammeln. Diese waren sowohl körperlich herausfordernd als auch intellektuell anspruchsvoll, da die abiturrelevanten Themen „die Alpen zwischen Ökonomie und Ökologie“ sowie „der Klimawandel in seinen Zusammenhängen und Auswirkungen auf den hochalpinen Raum“ innerhalb dieser nur dreitägigen Exkursion erfasst werden sollten.

Bereits im Vorfeld aktivierten die Schüler im Unterricht bzw. durch Auseinandersetzung mit dem Exkursionsführer ihr aus der 5. Jahrgangsstufe vorhandenes Vorwissen zur Alpenentstehung und Glazialmorphologie und erlangten einen theoretischen Überblick über grundlegende Aspekte zur Entstehung und den Spuren von Gletschern in der Landschaft sowie u.a. zur spezifischen Situation des bekanntesten Ötztaler Gletschers, des Vernagtferners.

Ausgangspunkt der Tour war nach siebenstündiger Busfahrt der im hintersten Ötztal auf ca.1900 m gelegene Ort Vent, wo der touristische Schwerpunkt im Vergleich zu Sölden merklich auf Nachhaltigkeit basiert. Hier wurden die Wanderschuhe geschnürt und die Rucksäcke geschultert, um gemeinsam die erste Etappe längs der imposant in den Talboden eingetieften Rofenache und vorbei an den Rofenhöfen zurückzulegen. An der Talstation des Materiallifts der Vernagthütte trennten sich die Wege. Ein Teil behielt sein Gepäck bei sich und stieg zusammen mit Herrn Höfling und Frau Naujoks den stetig ansteigenden Pfad zum Hochjoch Hospitz (2412m) auf, während der andere Teil mit Herrn Schlereth und Frau Meyerhöfer ohne Gepäck die teilweise sehr steilen Serpentinen zur Vernagthütte (2755m) nahm. Die Gruppen sollten sich, von einer Ausnahme abgesehen, erst wieder zwei Tage später in Vent treffen.

Beim Aufstieg und im Verlauf des folgenden Tages erfuhren die Interessierten einiges über die alpine Vegetation und deren Anpassung an extreme Umweltbedingungen aufgrund der großen Höhe (u.a. Bestäubung und Vermehrung in einer insektenarmen Höhenlage, intensive UV-Strahlung, niedrigerer Gasdruck, Lichtmangel aufgrund langanhaltender Schneebedeckung, Frosttrocknis). Es blieb in den regelmäßig eingelegten Verschnaufpausen immer wieder Zeit, den Blick schweifen und die für manche Teilnehmer noch nie erlebte Hochgebirgslandschaft auf sich wirken zu lassen. Dabei rückte die sichtlich mühevolle Arbeit der Venter Bergbauern bei der Heuernte ebenso ins Blickfeld wie die beeindruckende Vielfalt und Buntheit der Blumenwiesen, die in unseren Breiten kaum Vergleichbares findet. Die Begegnung mit neugierigen Haflingern und scheuen Schafen, deren Weiden beim Aufstieg durchquert wurden, erinnerte daran, dass die Existenz und der bescheidene Wohlstand der  Menschen des oberen Ötztals seit Jahrtausenden auf Viehwirtschaft gründet, weil die kurzen Sommer den Anbau von Feldfrüchten nicht erlauben. Sehr anschaulich ließ sich nachvollziehen, wie der vorwiegend aus Lärchen und Zirben bestehende Bergwald in den Hintergrund tritt und verschwindet, wie sich die Pflanzendecke mit zunehmender Höhe ausdünnt, nur noch punktuell vorhanden ist und zunehmend Rohböden Blockschutt und die Landschaft dominieren.

Nach Akklimatisierung der Exkursionsteilnehmer über Nacht auf dem Hochjoch Hospitz bzw. der Vernagthütte fanden in beiden Gruppen getrennt voneinander am zweiten Tag die eigentlichen Gletschertouren statt, die in diesem Jahr ohne Bergführer bewältigt werden konnten. Die Vernagtgruppe erreichte nach ca. anderthalb Stunden Gehzeit das Gletschertor des Vernagtferners, die Hochjochgruppe begab sich auf eine zuletzt recht unwegsame Tour zum pittoresk im Tal liegenden Rest des Hintereisferners, dessen Zunge in mehrere Toteisblöcke zergliedert und dessen schmutziggraues Schmelzwasser speiendes Tor vom eigentlichen Gletscher bereits abgekoppelt und kollabiert ist. Durch Blockschutt-bedeckten Thermokarst bahnte Herr Höfling der Gruppe einen sicheren Weg, der gesäumt war von mäandrierenden Schmelzwasserrinnen, die ins leuchtend blaue Eis des von Gestein und Staub bedeckten Ferners hineingedrungen waren. Dabei wurden die Schüler wiederholt Zeugen von permanenten Rutschungen, da durch den massiven Gletscherschwund, längs des Weges markiert durch Anzeigetafeln mit Jahreszahlen, sowie das Auftauen des Permafrostbodens die Seitenhänge bzw. Moränen an Stabilität verlieren und in Bewegung geraten. Im unmittelbaren Vorfeld der Gletscher konnten beide Gruppen idealtypische Formen wie Trogtal, Schliff, Endmoränen etc. beobachten und bekamen Fragen zu den vorgefundenen Situationen von ihren Lehrern erläutert. Da das Wetter sich gnädig zeigte, konnte am Nachmittag, angeführt von Frau Naujoks, für besonders ausdauernde Schüler eine Tour zur Mittleren Guslarspitze (3126 m), dem Hausberg des Hochjoch Hospitz‘ angeboten werden. Um den Ausblick von dort über die beinahe komplette Ötztaler Gletscherwelt zu genießen, mussten zunächst gut 700 Höhenmeter bewältigt werden. Der Zufall wollte es, dass sich Herr Schlereth mit einer ebenso emsigen Gruppe von der Vernagthütte aus auf diesen Berg aufgemacht hatte und ein unerwartetes Gipfeltreffen bei klarer Sicht stattfand.

Das abendliche Zusammensein in der Hütte wurde im Hochjoch Hospitz genutzt, um nach Klärung einiger offener Fragen zum globalen Zusammenhang zwischen Geologie und Klimatologie sowie Biologie der Fußball Weltmeisterschaft zu frönen.

Der letzte Tag führte die Hochjoch-Gruppe zunächst 200 Höhenmeter bergan, denn es galt eine Verabredung mit einem ehemaligen Mitarbeiter der Münchner Akademie der Wissenschaften, dem Glaziologen Dr. Ludwig Braun an der Pegelstation im Vorfeld des Vernagtferners einzuhalten. Nach etwa 2,5 Stunden teils recht anspruchsvoller Gehzeit mit vollem Gepäck und einer weiteren Begegnung mit der von der Vernagthütte in entgegengesetzter Richtung absteigenden Teilgruppe erreichte man die Pegelstation der Gletscherforscher, wo Dr. Braun auf seine bekanntermaßen eindrucksvolle und lebendige Art über die jüngsten Erkenntnisse der Forscher informierte und anschaulich verdeutlichte, wie sehr der Vernagtferner ebenso mess- wie sichtbar auf Aktivitäten des Menschen in den letzten Jahrzehnten durch Vorstöße und Abschmelzen reagierte. Gerade aus Sicht der Bewohner des Ötztals und ihrer Geschichte muss man, nüchtern betrachtet, den Rückgang der Gletscher durchaus als Gewinn an Lebensqualität bezeichnen, denn um 1850 herum sind wiederholt verheerende Überflutungen dokumentiert, die zurückzuführen sind auf Dammbrüche des vom Vernagtgletscher verursachten Eisstausees, der durch den Rückstau der Rofenache entstanden war. Der Schwund der Gletscher angesichts der gegenwärtig zu verzeichnenden Erderwärmung gibt den Talbewohnern also Sicherheit. Ob der Reiz und die Vielfalt der Bergwelt und infolgedessen auch der für die Region wichtige Hochgebirgstourismus hierdurch nicht einem Verlust entgegensteuern, mag fraglich erscheinen. Immerhin gibt es vor Ort  inzwischen etablierte Outdoor-Arenen, die beinahe standortunabhängig eine ganzjährige Einnahmequelle im Action- & Funtourismus sowohl drinnen wie draußen bieten, wo die grandiose Gebirgs- und Gletscherkulisse bestenfalls als Randerscheinung wahrgenommen wird.

Die diesjährige Gletscherexkursion verband insbesondere biologische mit geographischen Aspekten und stieß bei bemerkenswert vielen Schülern auf große Aufgeschlossenheit. Deren Fazit lautet: „Letzten Endes war die Gletscherexkursion für uns alle ein tolles Erlebnis und wird hoffentlich auch in Zukunft so beibehalten werden.“

 

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