Job-Shadowing in Pornic von Daniela Kobel

Individuell die Mobilitätsmöglichkeiten von Erasmus+ zu nutzen, ist meist weniger bekannt als zum Beispiel Studien- oder Schüleraufenthalte und Fahrten ins europäische Ausland. Doch dank des bereits erfolgten Frankreichaustauschs am JSG konnte ich als weitere Lehrkraft die Chance eines sogenannten Job-Shadowings im Lycée des Pays de Retz in Pornic an der französischen Atlantikküste nutzen. In dieser weiterführenden Schule ist es ungewöhnlich, mit zwei Fächern wie Mathematik und Sport zu unterrichten, aber ich habe auch bei diesem Aufenthalt für mich persönlich wieder die Vorteile erlebt, das Schulleben in derart unterschiedlichen Bereichen zu sehen.  

Im Überblick kurz die größten Differenzen zum bayerischen gymnasialen System: 

  • Große Klassen (bis zu 36 Schüler)
  • Unterricht von 8 Uhr bis 17 Uhr 50, dafür am Mittwoch ab 13 Uhr unterrichtsfrei
  • Dauer einer Stunde: 60min, bei Doppelstunden sind das 120min (ohne Essens-, Trink-, Erholungspause); längere Pausen (ca. 20min mit tolerierter Handynutzung)
  • Keine Nutzung von digitalen Geräten durch die Schüler (analoge Heftführung bzw Nutzung des Computerraums), aber vielfältige mediale Methoden durch Lehrer (Videoclips, QR-Codes, ….
  • In gewählter Fachrichtung sind 6 WS, zusätzlich weitere 3 WS möglich (ähnlich dem VK 12), regelmäßige kleinere Tests im Schuljahr (6-10)
  • Reduktion auf drei Jahrgangsstufen mit sehr unterschiedlicher Schwerpunktsetzung (z.B. Mathe im Abschlussjahr mit 9 Wochenstunden bzw auch sprachliche Richtungen möglich), daher aber auch sehr disziplinierter Unterricht mit jungen Erwachsenen
  • Unterstützung der Arbeit durch zwei pädagogisch-administrative Kräfte, die die Kommunikation mit Eltern/Schülern/Lehrern stark erleichtern und bei Problemen eingeschaltet werden
  • Die Schüler sind nicht immer in einer festen Gruppe und daher ständig im Aufsuchen des neuen Unterrichtsraums (= meist überfüllte Gänge, aber kein eigener Raum) 

In meinen Unterrichtsbesuchen erlebte ich eine Vielfalt, die ich auch im JSG als sehr wertvoll und wichtig schätze: lehrerzentrierter Unterricht, aber auch freie Übungsphasen, in denen die Schüler selber zur Korrektur aufgefordert sind, Unterricht mit 2 Lehrkräften und einem Feuerwerk an Methoden, Materialien und schnellem Methodenwechsel, wenn die Schüler nach einem sehr ansprechenden Mittagessen nicht in Passivität verfallen sollen, sondern durch intensive Dialoge aktiviert und motiviert werden. Aber auch strukturierte Einheiten in Recht und Sport (Schwimmen, Badminton) konnten mich von der sehr guten Arbeit der Lehrkräfte im LPR überzeugen. Überrascht war ich, dass ich alle Unterrichtstunden im Klassenzimmer sehr gut verstehen konnte (Gleichungen in , Bedingte Wahrscheinlichkeit, Gesetzgebungsprozesse in Frankreich, BIP in Indien usw.), im Sportunterricht eher unsicher war, mir aber die anschließenden praktischen Übungen halfen, das Besprochene zu verstehen. 

Als Gast im Lehrerzimmer und Unterricht wurde ich äußerst herzlich und gut vorbereitet von allen am Schulleben Beteiligten aufgenommen und sehr häufig sogar in Deutsch angesprochen. Deutsch ist am LPR nur für ca. 50 von 1050 Schülern ein sehr kleiner Wahlbereich, aber die Lehrkräfte hatten oftmals selber Deutschunterricht in ihrer Schulzeit, Studienaufenthalte in Deutschland (auch M. Bouvier, der geachtete Direktor des LPR, war mit Erasmus bei Hamburg!) oder familiäre deutschsprachige Wurzeln (Elsass). Offener kann ein Austausch über die Sprach-, Landes und Systemgrenzen hinweg nicht gestaltet sein. Es ist eine große Bereicherung für das eigenen Schulverständnis und auch Privatleben. 

Wer als Familienmitglied seit nahezu 30 Jahren kaum alleine reist, erlebt in dieser Woche des Job-Shadowings auch, dass alle sprachlichen Kenntnisse wieder zum Vorschein kommen und genutzt werden können, um ohne Rücksicht auf korrekte Grammatik den Austausch zu ermöglichen. Ebenso konnte ich bei der gewählten Reise mit 4-5 Anschlusszügen erleben, dass die Hilfe der Mitreisenden sehr unterstützt, gerade wenn viele unbekannte Wege (Paris) oder Unvorhergesehenes zu managen sind. 

Das Resümée meines Job-Shadowing in Pornic: ich konnte im schulischen Leben vieles wiedererkennen, was wir am JSG auch erleben, habe aber auch neue und bereichernde Erfahrungen im Schulleben machen dürfen.  

In der bezaubernden Hafenstadt habe ich vor Beginn der Schulwoche eine „Fête patrimoniale“ erlebt, die mir die Traditionen und Besonderheiten der Region nahebrachten. Durch das eigenverantwortliche Organisieren der Reise, der Wege und Termine lernt man viele eigenen Kompetenzen neu wertzuschätzen.  

Aber besonders die gute Vorbereitung, Begleitung und herzlichen Kontakte der Kollegen vor Ort ermöglicht einen dankbaren Rückblick auf die erlebte Woche!

Text und Bilder: Daniela Kobel     

verfasst von R.Keil am