Weimar-Fahrt der 12. Klassen – Ein Tag im Zeichen der klassischen Kultur

Unsere diesjährige Fahrt nach Weimar ins DNT, Deutsche Nationaltheater, bot uns Schülerinnen und Schülern der 12. Klassen die seltene Möglichkeit, Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“ nicht nur als schulische Lektüre, sondern als lebendige Bühnenkunst zu erleben. Viele kennen den Text aus dem Unterricht, sei es in Auszügen oder vollständig, doch auf der Bühne wirkt er noch einmal ganz anders. Am 22.11.2025 durften rund fünfzig Schülerinnen und Schüler unserer Jahrgangsstufe diese Erfahrung machen. Der Besuch zur 18. Faustinszenierung in Weimar am DNT erwies sich in jeder Hinsicht als bereichernd.

Vor der Aufführung blieb ausreichend Zeit, die Stadt auf eigene Weise zu erkunden. Weimar, geprägt durch die Epoche der Weimarer Klassik und von dem geistigen Erbe Goethes und Schillers, empfing uns mit einer, auch dem Weihnachtsmarkt geschuldeten, besonderen Atmosphäre. Einige von uns besuchten Goethes Gartenhaus oder Ausstellungen, die sich gerade jetzt im Goethe-Jahr 2025, seinem Leben und Werk widmeten, andere nutzten den Aufenthalt, um weitere literarische und historische Wahrzeichen kennenzulernen oder einfach in Ruhe anzukommen und das Ambiente auf sich wirken zu lassen. Man spürte deutlich, und konnte an den Straßennamen erkennen, wie sehr Weimar bis heute von den großen Namen der deutschen Kultur geprägt ist.

Goethes Faust gilt nicht ohne Grund als eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literatur. Über Jahrzehnte hinweg entstanden und immer wieder überarbeitet, verbindet es philosophische, religiöse und existenzielle Fragen mit einer dramatischen Handlung von großer sprachlicher und gedanklicher Tiefe. „Faust. Der erste Teil der Tragödie“, vereint die Gelehrtentragödie, in der Faust nach Erkenntnis und Sinn strebt, mit der tragischen Gretchengeschichte, die die Folgen seines Paktes mit Mephistopheles sichtbar macht. Diese Verbindung aus Welterklärung, moralischer Herausforderung und menschlichem Scheitern macht das Werk bis heute beeindruckend und zeitlos. Es ist Goethes Opus magnum. 

Gerade deshalb war es erfreulich, dass die Inszenierung, die wir sehen durften, einen bemerkenswerten Ausgleich zwischen Treue zum Original und zeitgemäßer Aufführungskunst fand. Viele schwer zugängliche Passagen wurden durch klare Bildsprache, Humor und eine lebendige Spielweise verständlicher gemacht, ohne dass Goethes Text entstellt worden wäre. Im Gegenteil: Die Regie suchte erkennbar den Dialog zwischen Tradition und Gegenwart und schuf eine Atmosphäre, in der sowohl Kenner des Werkes als auch weniger literaturbegeisterte Zuschauer einen Zugang finden konnten.

In manchen Szenen wurde bewusst moderner Humor eingesetzt – etwa im Leipziger Auerbachs Weinkeller, der nicht wie im Original mit derben studentischen Trinkliedern, sondern mit modernem Partyschlager des Leipziger Fußballclubs dargestellt war. Das wirkte zuerst ungewohnt, lockerte jedoch die Schwere des Dramas und verlieh dem Geschehen eine heitere, beinahe burleske Note. Nebenrollen wurden teilweise karikaturesk ausgestaltet und damit aus ihrer sonstigen Randständigkeit geholt. Die Kostüme sowie das Bühnenbild blieben ebenfalls nicht steif an historischen Vorbildern orientiert, sondern griffen auf moderne Formen, Alltagsgegenstände und schnelle Szeneriewechsel zurück. Insgesamt ein frisches und spannendes Konzept.

 

Besonders hervorzuheben ist die Umsetzung der Gelehrtentragödie. Fausts Ringen mit den Grenzen des menschlichen Strebens nach Wissen wurde eindrucksvoll dargestellt. Um den Erdgeist zu visualisieren, wurde eine durchsichtige Leinwand vor die Bühne gefahren, auf der mithilfe projizierter Licht- und Bewegungseffekte eine beinahe übernatürliche Erscheinung entstand. Die Szene wirkte atmosphärisch dicht und der symbolischen Bedeutung des Erdgeists durchaus angemessen. Ähnlich gelungen war die Darstellung der Szene mit dem Pudel, dessen feurige Spuren und geheimnisvolle Präsenz optisch faszinierend umgesetzt wurden, wobei ein bellender Mann im Pudelkostüm beim ersten Auftreten für einige Schmunzler sorgte. 

Die Gretchentragödie, im Zentrum des Dramas stehend und emotional wohl der berührendste Teil des Werkes, wurde insgesamt einfühlsam gestaltet. Man merkte jedoch, dass die Regie sich nicht vollständig zwischen einer moderneren oder einer klassischeren Darstellung Gretchens entscheiden wollte. In einigen Momenten wirkte sie moderner angelegt, während andere Szenen stärker der literarischen Vorlage treu blieben. Dieses Schwanken fiel auf, störte jedoch nicht wesentlich und beeinträchtigte nicht die eindrucksvolle Darstellung ihrer inneren Zerrissenheit und Tragik.

Sehr bemerkenswert war zudem der Übergang in die Pause, der durch eine bewusst moderne Brechung eingeleitet wurde. In einer Variation der bekannten Szene, in der Faust Gretchen auf der Straße begegnet, ließ die Inszenierung Gretchen dem aufdringlichen Verhalten Fausts mit einem überraschend direkten und heutigen „Fick dich“ entgegentreten. Dieser abrupte Moment sorgte im Publikum für Heiterkeit, markierte zugleich einen stilistisch klaren Einschnitt und bereitete auf die Halbzeitpause vor – ein einfacher, aber unerwarteter und wirkungsvoller Regieeinfall.

Die Walpurgisnacht wiederum bildete eine der visuell abwechslungsreichsten Sequenzen des Abends. Fantastisch, wild und mitunter beinahe traumhaft, eröffnete sie einen Blick in die übersteigerte Welt von Mephistopheles’ Verlockungen. Besonders eindrucksvoll war der Einsatz live gespielter Musik: Schlagzeug, E-Gitarre und weitere Instrumente verliehen der Szene fast den Charakter eines Konzerts und verstärkten ihren rauschhaften, überbordenden Eindruck. Auch wenn die Szene für manche etwas langatmig erschien, bot sie ein abenteuerliches und vielgestaltiges Schauspiel, das die Kreativität des Ensembles und die Wandelbarkeit des Bühnenbildes eindrucksvoll unterstrich.

Der Tag in Weimar war ein voller Erfolg. Die Inszenierung schaffte es, sowohl Liebhaber klassischer Literatur anzusprechen als auch diejenigen, die Faust eher als schulische Pflichtlektüre wahrnehmen. So bot der Abend für alle einen gleichermaßen spannenden wie lehrreichen Zugang zu einem der bedeutendsten Werke unserer Literaturgeschichte. 

Ein empfehlenswerter, bereichernder Ausflug, der uns nicht nur Weimar, sondern auch Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“ ein Stück nähergebracht hat. Für jeden „Schoethe“-Connoisseur ein Muss. 

 

Abschließend ein besonderes Dankeschön an Frau Zeeb, die die An- und Abreise sowie den Theaterbesuch organisiert und diesen Ausflug erst möglich gemacht hat. 

Text: Milan Juszczak

Szenenfoto aus der Inszenierung von Johann Wolfgang von Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“ am Deutschen Nationaltheater Weimar (Regie: Jan Neumann, Bühne: Matthias Werner, Kostüme: Nini von Selzam), Foto: © Candy Welz

verfasst von R.Keil am