Hier entlang.
Das „Seil“ gehört zusammen mit dem „Stock“ zu den ältesten Werkzeugen der Menschheit.
Der Stock hält das Böse fern; das Seil bringt das Gute zu uns heran. Sie waren unsere ersten Freunde – von uns selbst geschaffen. Wo immer Menschen waren, gab es Seil und Stock.
— Kōbō Abe, „Nawa“ („Das Seil“)
Am ersten Morgen waren die Schuhe noch trocken. Die Rucksäcke standen gepackt vor uns, die Beine fühlten sich leicht an, und hinter den letzten Häusern erschien zum ersten Mal eines jener kleinen Zeichen, die uns in den kommenden Tagen begleiten würden: rot und weiß auf einem Stein, einem Baum, einem Pfosten.
Vor uns lagen sechs Tage zu Fuß, von Deutschland durch Österreich bis nach Südtirol. Auf der Karte war es eine Linie über ein Gebirge, an deren Ende Meran stand. Man konnte Höhenmeter zählen und Entfernungen nachschlagen. Dann gingen wir los.
Anfangs hatte das Ganze noch etwas von einem Ausflug. Es wurde geredet, fotografiert und darüber spekuliert, wie lange der nächste Anstieg wohl dauern würde. Irgendjemand war zuverlässig der Meinung, dass es hinter der nächsten Kurve flacher werden müsse. Die Berge teilten diese Einschätzung selten.
Hinter den Häusern kamen Wiesen, hinter den Wiesen Wälder. Die Wege wurden schmaler, das Tal unter uns größer, und irgendwann ließ sich die Unterkunft, von der wir morgens aufgebrochen waren, zwischen den Baumkronen nicht mehr erkennen.
„Bald“ kann zwei Stunden heißen. Ein „leichter Anstieg“ klingt nach einigen Stunden anders als am Morgen.
Die Täler wurden felsiger, zwischen Bäumen öffneten sich weite Blicke, Wasser fiel über Felsen. Manchmal standen wir einfach da und sagten eine Weile nichts.
Eine Kuh stand mitten auf dem Weg. Wir wichen aus. Die Kuh nicht.
Dann gingen wir weiter.
Nach einigen Tagen waren die Schuhe nicht mehr trocken. Eigentlich waren sie nicht einmal mehr besonders eindeutig einer Farbe zuzuordnen.
Mit dem Regen rückte die Landschaft zusammen. Wolken lagen in den Hängen, die nächsten Gipfel verschwanden, manchmal endete die Welt schon wenige Meter hinter dem Menschen, der vor einem ging. Übrig blieben das Geräusch der eigenen Schritte, Regen auf der Kapuze, ein Rucksack vor einem und ein Stück Weg.
Und irgendwann wieder rot und weiß.
Hier entlang.
Bald fragte niemand mehr ernsthaft, ob die Schuhe noch trocken waren. Man zog die Jacke enger, beschwerte sich über das Wetter, erzählte Unsinn und ging weiter; zwischendurch blieb jemand stehen und wartete.
Abends standen die Schuhe vor den Hütten: schlammig, nass, unordentlich. Hinter der Tür war es warm. Trockene Kleidung, etwas Warmes zu essen, eine Bank – mehr brauchte es nach mehreren Stunden unterwegs erst einmal nicht.
Die Abende entwickelten ihr eigenes Leben. Geschichten vom Tag wurden erzählt und beim zweiten Erzählen schon verändert. Aus beiläufigen Sätzen wurden Sprüche, über kleine Missgeschicke wurde noch Tage später gelacht. Außerhalb der Fahrt wäre vieles davon wahrscheinlich nie besonders lustig gewesen.
Draußen wurden die Berge dunkel. Drinnen wurde geredet.
Morgens wurde wieder gepackt und losgegangen. Nach einigen Tagen ließ sich schwer sagen, an welchem Tag was passiert war: aufstehen, packen, steigen, warten, weitergehen, ankommen.
Anfangs liefen Menschen nebeneinander, weil sie ohnehin zusammen losgegangen waren. Später zog sich die Gruppe über den Weg auseinander. Manche waren weiter vorne, andere blieben zurück, und dann wurde gewartet. Am nächsten Tag wartete vielleicht jemand anderes. Eine Wasserflasche wurde weitergegeben, ein Rucksack kurz gehalten; jemand ging langsamer, weil der Mensch neben ihm langsamer ging.
Weiter oben blieben die Bäume zurück. Der Wind wurde stärker, und unter uns lagen die Wege, über die wir gekommen waren: ein heller Strich am Hang, einige Kurven, ein Tal in der Ferne. Manchmal suchten wir den Ort, an dem der Tag begonnen hatte, und fanden ihn nicht mehr. Hinter dem Pass ließ sich dafür schon erahnen, wohin es weiterging.
Noch ein Tal, noch ein Anstieg, noch ein Zeichen.
Hier entlang.
Bis hinter einem Abstieg ein Name aufhörte, nur ein Name auf der Karte zu sein.
Meran.
Dort liefen Menschen herum, die aussahen, als hätten sie den Tag nicht auf einem Berg verbracht. Wir selbst mussten plötzlich nirgendwo mehr hin. Wir gingen durch die Stadt und standen am Abend sogar noch auf einem Konzert. Einige Tage zuvor hatten wir versucht, unsere nassen Sachen in einer Hütte zum Trocknen aufzuhängen; nun waren da Musik, Licht und eine Stadt um uns herum.
Nachwort
Ein großes Dankeschön an Herrn Kirsch, Frau Hain und Frau Meyerhöfer für Planung, Organisation, Begleitung und Geduld – und dafür, sich mit uns auf eine Abifahrt einzulassen, bei der man das Ziel nicht einfach mit Bus oder Bahn erreichte. Vieles von dem, was dafür im Hintergrund nötig war, haben wir unterwegs wahrscheinlich gar nicht bemerkt.
Artikel: Milan Juszczak, Q13
Fotos: Sonja Hain
