Job Shadowing in Cork – Einblicke in den irischen Schulalltag

Wie sieht Schule in Irland aus? Welche Gemeinsamkeiten gibt es mit unserem deutschen Schulalltag – und wo werden andere Schwerpunkte gesetzt? Diesen Fragen konnten wir, Denise Ziegler und Matthias Siegler, im Rahmen eines Erasmus+-Job-Shadowings vom 21. bis 25. September 2026 in Cork nachgehen. Gastgeber war die Cork Educate Together Secondary School (CETSS), eine weiterführende Schule mit sechs Jahrgangsstufen vom 1st bis zum 6th Year.

Während unseres Aufenthalts erhielten wir durch Unterrichtsbesuche und Gespräche mit Lehrkräften, Schulleitung und Schülerinnen und Schülern vielfältige Einblicke in den Schulalltag. Darüber hinaus konnten wir die Schule bei ihrem Vorstellungsabend kennenlernen und uns ein Bild davon machen, wie sich pädagogische Konzepte, Unterricht und Schulleben an einer irischen Schule gestalten.

Eine Schule mit einem besonderen pädagogischen Profil

Die CETSS ist eine staatliche Schule und gehört zum Netzwerk der Educate Together Schools. Ihr Schulprofil basiert auf vier zentralen Grundsätzen: co-educational, student-centred, democratic und equality-based. Damit werden das gemeinsame Lernen von Mädchen und Jungen, die individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler, demokratische Teilhabe und Gleichberechtigung ausdrücklich als Leitlinien des schulischen Zusammenlebens verstanden.

Diese Grundhaltung war während unseres gesamten Aufenthalts spürbar. Die Schulgemeinschaft ist ausgesprochen vielfältig, sowohl hinsichtlich der kulturellen und persönlichen Hintergründe als auch im Hinblick auf unterschiedliche Lebensentwürfe und Identitäten. Vielfalt und ein offener Umgang miteinander gehören sichtbar zum Schulalltag.

Besonders deutlich wurde die Bedeutung von Beteiligung beim Vorstellungsabend der Schule. Nach einer Einführung durch Schulleitung und Stellvertretung konnten zukünftige Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern das Schulgebäude erkunden und verschiedene Bereiche kennenlernen. Schülerinnen und Schüler der CETSS waren dabei selbst aktiv eingebunden, kamen mit den Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch und gestalteten zahlreiche Mitmachangebote. So wurde das Schulprofil nicht nur erklärt, sondern unmittelbar durch Mitglieder der Schulgemeinschaft erlebbar gemacht.

Inklusion als struktureller Bestandteil

Einen besonderen Schwerpunkt der CETSS bildet die Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Förderbedarfen. Dafür stehen an der Schule zwölf sogenannte Additional Needs Assistants zur Verfügung – jeweils zwei für einen Jahrgang.

Ihre Funktion unterscheidet sich dabei teilweise von der klassischen Schulbegleitung, wie wir sie aus Deutschland kennen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht ausschließlich einem einzelnen Kind zugeordnet, sondern fungieren als Ansprechpartner für Schülerinnen und Schüler mit Unterstützungsbedarf innerhalb der gesamten Jahrgangsstufe.

Derzeit besuchen 18 Schülerinnen und Schüler mit Special Needs die Schule, viele von ihnen mit einem Förderbedarf aus dem Autismus-Spektrum. Für sie gibt es den sogenannten Support Space. Dabei handelt es sich um mehrere Räume, die sowohl als Rückzugsort als auch für individuelles Lernen genutzt werden können. Während bestimmter Unterrichtsstunden haben Schülerinnen und Schüler dort die Möglichkeit, in einer ruhigeren Umgebung zu arbeiten und individuelle fachliche oder psychosoziale Unterstützung zu erhalten.

Die konkrete Gestaltung des Stundenplans kann dabei an den jeweiligen Unterstützungsbedarf angepasst werden. So nehmen einzelne Schülerinnen und Schüler beispielsweise nicht am Irischunterricht oder an weiteren Fächern teil und nutzen diese Zeit stattdessen im Support Space.

Unterricht mit kleinen Lerngruppen und zentrale Prüfer für Fremdsprachen

Auch die Rahmenbedingungen des Unterrichts unterscheiden sich in einigen Punkten von unserem Schulalltag. Die Klassen der CETSS umfassen maximal 24 Schülerinnen und Schüler. Eine Unterrichtsstunde dauert 60 Minuten. Dadurch steht innerhalb einer Stunde vergleichsweise viel Zeit für die Bearbeitung von Aufgaben, Übungsphasen und individuelle Rückmeldungen zur Verfügung.

Die Klassenzimmer sind mit einzelnen Tischen ausgestattet, die flexibel zu unterschiedlichen Tischgruppen zusammengestellt werden können. Schülerinnen und Schüler sitzen grundsätzlich in Tischgruppen – lediglich in Fachräumen mit Laborbänken ist dies anders.

Den von uns besuchten Unterricht erlebten wir überwiegend als lehrerzentriert und fachwissensorientiert. Gleichzeitig konnten wir auch Unterrichtssituationen beobachten, in denen zwei Lehrkräfte gemeinsam in einer Klasse unterrichteten. Dieses Team Teaching schafft zusätzliche Möglichkeiten, Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts individuell zu unterstützen.

Interessant war zudem die Gestaltung der Leistungsüberprüfungen: Tests werden teilweise auf unterschiedlichen Niveaustufen angeboten. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden selbst, auf welchem Niveau sie die jeweilige Aufgabe bearbeiten möchten.

Bei den mündlichen Abschlussprüfungen in den Fremdsprachen gibt es ebenfalls eine für uns interessante Besonderheit: Diese werden von externen Prüferinnen und Prüfern durchgeführt und nicht von den unterrichtenden Lehrkräften selbst.

 

Berufsorientierung als eigenes Unterrichtsfach

Eine Besonderheit des irischen Schulalltags ist die feste Verankerung der Berufsorientierung im Stundenplan. In den letzten drei Schuljahren besuchen die Schülerinnen und Schüler einmal pro Woche das Fach Career Counselling im Klassenverband.

Damit erhält die berufliche Orientierung einen eigenen zeitlichen und organisatorischen Rahmen und begleitet die Schülerinnen und Schüler über mehrere Jahre hinweg.

Auch der Einstieg in die weiterführende Schule wird gezielt gestaltet. Zu Beginn des 1st Year finden drei gemeinsame Teambuilding-Tage für den gesamten Jahrgang statt. Bei einer Jahrgangsstärke von etwa 60 bis 70 Schülerinnen und Schülern steht dabei vor allem das gegenseitige Kennenlernen und die Entwicklung einer gemeinsamen Jahrgangsgemeinschaft im Mittelpunkt.

Digitale Bildung – mehr als der Einsatz von iPads

Im Bereich der Digitalisierung konnten wir zahlreiche Parallelen zu unserer eigenen Schule feststellen. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten mit iPads, die durch eine entsprechende Verwaltungssoftware zentral gemanagt werden. Lehrkräfte können je nach persönlicher Präferenz mit einem iPad oder einem Microsoft-Gerät arbeiten. Für die digitale Zusammenarbeit und Organisation kommen unter anderem OneNote und die Plattform Schoology zum Einsatz.

Bemerkenswert ist die Organisation der Schülergeräte: Die Schule kauft die iPads zentral und stellt sie den Schülerinnen und Schülern für drei Schuljahre zur Verfügung. Dafür fallen 50 Euro pro Schuljahr an. Nach Ablauf dieser drei Jahre besteht die Möglichkeit, das Gerät zu einem vergünstigten Preis zu übernehmen.

In den ersten drei Schuljahren ersetzen die iPads die gedruckten Schulbücher. Eine digitale Übertragung der klassischen Heftführung findet hingegen nicht statt: Das iPad dient vor allem als Zugang zu digitalen Unterrichtsmaterialien und Anwendungen.

Einen besonderen Stellenwert nimmt die systematische Vermittlung digitaler Kompetenzen ein. In den ersten drei Schuljahren gibt es jeweils eine Wochenstunde Digital Literacy. Das Fach verbindet drei Bereiche: den praktischen Umgang mit den an der Schule eingesetzten digitalen Geräten und Anwendungen, Medienbildung – etwa zu Fake News und Social Media – sowie grundlegende Programmierkenntnisse.

Eigene Schwerpunkte im Curriculum

Ein weiterer interessanter Aspekt betrifft die Gestaltung des Curriculums. Irische Schulen verfügen über Möglichkeiten, eigene Fächer zu entwickeln und hierfür schulinterne Curricula zu erstellen. Die CETSS nutzt diesen Gestaltungsspielraum beispielsweise für Digital Literacy und Climate Action.

Damit können Themen, die für das Profil und die pädagogische Ausrichtung der jeweiligen Schule von besonderer Bedeutung sind, verbindlich im schulischen Alltag verankert werden.

Auch bei organisatorischen und gesellschaftlichen Fragen zeigten sich zahlreiche Gemeinsamkeiten mit unserem Schulalltag. Der Umgang mit digitalen Medien und Ablenkungen im Unterricht, Fragen des Schutzkonzepts sowie der Umgang mit LGBTQIA+ und gesellschaftlicher Vielfalt beschäftigen die Schulgemeinschaft ebenso wie Schulen in Deutschland.

Persönliche Beziehungen und Mitverantwortung

Im täglichen Miteinander fiel uns die persönliche Atmosphäre innerhalb der Schulgemeinschaft auf. Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler sprechen sich gegenseitig mit Vornamen an, und auch kleine Gesten – beispielsweise Geburtstagskarten für Schülerinnen und Schüler – gehören zum schulischen Alltag.

Eine weitere Besonderheit konnten wir bei den Lehrerkonferenzen beobachten. Diese finden dreimal im Jahr statt und werden jeweils von unterschiedlichen Lehrkräften einberufen und moderiert. Dadurch wird Verantwortung für die Gestaltung gemeinsamer schulischer Prozesse stärker auf verschiedene Mitglieder des Kollegiums verteilt.

Auch bei der Vertretung im Krankheitsfall gelten klare Strukturen: Selbst in den Abschlussklassen findet bei Abwesenheit einer Lehrkraft regulärer Unterricht mit einem vorbereiteten Arbeitsauftrag und einer anwesenden Lehrkraft statt.

Gemeinsamkeiten und neue Perspektiven

Unser Aufenthalt in Cork hat vor allem eines deutlich gemacht: Viele Herausforderungen, mit denen sich Schulen heute beschäftigen, sind unabhängig vom jeweiligen Bildungssystem ähnlich. Fragen der Inklusion, der Digitalisierung, der Mediennutzung, der Berufsorientierung, des Schutzes von Schülerinnen und Schülern und des Umgangs mit gesellschaftlicher Vielfalt stellen sich auch an unserer Schule.

Gleichzeitig werden diese Herausforderungen an der CETSS teilweise unter anderen strukturellen Bedingungen und mit anderen pädagogischen Schwerpunkten bearbeitet. Besonders die Organisation der inklusiven Unterstützung, das Fach Digital Literacy, die feste Verankerung der Berufsorientierung und die Möglichkeiten zur Entwicklung eigener schulischer Fächer haben uns interessante Anregungen gegeben.

Für uns war das Job Shadowing deshalb vor allem eine Gelegenheit zum Perspektivwechsel. Der Blick auf eine andere Schule ermöglicht es, die eigene schulische Praxis bewusster wahrzunehmen: Was erscheint uns selbstverständlich? Welche Lösungen sind an andere Rahmenbedingungen gebunden? Und welche Ideen könnten auch für unseren eigenen Schulalltag interessant sein?

Der Erasmus+-Aufenthalt hat uns damit nicht nur Einblicke in das irische Bildungswesen ermöglicht, sondern auch zahlreiche Anstöße für Gespräche und Reflexionen über Schule, Unterricht und das gemeinsame Lernen gegeben.

Text und Bilder: Denise Ziegler, Matthias Siegler

 

verfasst von M.Wolf am